Röttgers: Der Abgrund

Zitat

„Das Subjekt verschwindet, die Spur, die Leere, die das Verschwinden hinterlässt, ist ein Abgrund des Schweigens im kommunikativen Text. Dieser Abgrund gleicht jenem, den Heidegger als Abgrund anspricht, wenn er vom Erschweigen der Wahrheit des Seyns spricht. Diese lässt sich eben nicht aussagen im Sinne von Informationen-über, sondern bildet den Hintergrund und Abgrund allen Redens. Das Ereignis bricht das Immergleiche zu einem Abgrund auf, aus dem heraus gemäß Heidegger der andere Anfang der Philosophie möglich sein müsste. Der Abgrund, den das Neue im Gewohnten aufreißt, ist nicht einfach die aus der Phänomenologie der Sichtbarkeit bekannte Verschiebung von Perspektiven. Im Abgrund des Neuen geht es um Unsichtbarkeit. […] Das Chaos im Abgrund ist seiner ontologischen Natur nach ein vielfältiges.“ (p. 230sq.) #Röttgers #Heidegger #Subjekt #Abgrund #KommunikativerText #Chaos

Röttgers, Kurt, Das Soziale denken. Leitlinien einer Philosophie des kommunikativen Textes. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2021. 756 S., ISBN 978-3-95832-239-4.

Heidegger: Chaos

Zitat

„χάος meint anfänglich das Aufgähnende und weist in die Richtung des unabmeßbaren, stütze- und grundlosen, aufklaf­fenden Offenen (vgl. Hesiod, »Theogonie«, 116). Warum die Grunderfahrung, die das Wort nennt, nicht zur Herrschaft kam und nicht kommen konnte – das zu erörtern liegt außerhalb der jetzigen Aufgabe. Genug, wenn wir beachten, daß die seit lan­gem geläufige Bedeutung des Wortes »Chaos« – und d. h. im­mer die durch dieses Wort geleitete Sichtweise – keine ur­sprüngliche ist. Das Chaotische heißt uns das Durcheinander, das Wirre, das Sichübereinanderstürzende. Chaos meint nicht nur das Ungeordnete, sondern dieses: das Wirre in der Verwir­rung, das Durcheinander in der Überstürzung. Chaos in der späteren Bedeutung meint immer mit eine Art von »Bewe­gung«.“ (I, p. 506) #Heidegger #Chaos

Heidegger: Chaos

Zitat

„Chaos ist der Name für einen eigentümlichen Vorentwurf der Welt im Ganzen und ihres Waltens. Wieder scheint es, und hier am stärksten, daß ein schrankenloses »biologisches« Den­ken am Werk sei, das die Welt gleichsam einen ins Riesenhafte hinaufgesteigerten »Leib« vorstellt, dessen Leiben und Le­ben das Seiende im Ganzen ausmacht und somit das Sein als ein »Werden« erscheinen läßt. Nietzsche spricht es in seiner späteren Zeit oft genug aus, daß der Leib zum Leitfaden nicht nur der Menschen-, sondern der Weltbetrachtung gemacht werden müsse: der Weltentwurf aus dem Standort des Tieres und der Tierheit. Hier ist die Grunderfahrung der Welt als »Chaos« verwurzelt. Sofern aber der Leib für Nietzsche ein Herrschaftsgebilde ist, kann »Chaos« nicht das wüste Durch­einander meinen, sondern die Verborgenheit des unbewältig­ten Reichtums des Werdens und Strömens der Welt im Gan­zen. Der überall naheliegende Verdacht auf einen Biologismus scheint dadurch seine eindeutige und volle Bestätigung zu fin­den.“ (I, p. 510) #Heidegger #Nietzsche #Chaos #Leib

Heidegger: Chaos und Kunst

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„»Chaos«, die Welt als Chaos, besagt: das Seiende im Ganzen relativ auf den Leib und sein Leiben entworfen. In dieser Grundlegung des Weltentwurfes ist alles Entscheidende einge­schlossen, also für das Denken, das als Umwertung aller Werte eine neue Wertsetzung anstrebt, auch die Ansetzung des höch­sten Wertes. Dieser ist, wenn die Wahrheit nicht der höchste Wert sein kann, noch über der Wahrheit, d. h. im Sinne des überlieferten Wahrheitsbegriffes: näher und gemäßer dem eigentlich Seienden, d. h. dem Werdenden. Der höchste Wert ist im Unterschied zur Erkenntnis und Wahrheit – die Kunst. Sie schreibt nicht das Vorhandene ab und erklärt es nicht aus Vor­handenem, sondern die Kunst verklärt das Leben, rückt es in höhere, noch ungelebte Möglichkeiten, die nicht »über« dem Leben schweben, die es vielmehr aus ihm selbst neu erwecken in sein Waches, denn »Nur durch den zauber bleibt das leben wach.« (Stefan George, »Das Neue Reich«, S. 75)“ (I, p. 511) #Heidegger #Chaos #Kunst #Weltentwurf